Der hinkende Bote                                 "because  art is food"
                                                                                                                                                                 the WHY CHEAP ART?manifesto
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Herman & Rahel

 

 oder

 

Gesunde Menschen ähneln einander, aber jeder ist auf seine eigene Weise krank.

Rahel: Pudel haben keine Kerne.

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Herman: Ich bin so tief gesunken, dass ich, vor die Wahl gestellt, ein gutes Buch über die Liebe zu lesen oder eine Frau zu lieben, die Frau vorziehen würde.

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Rahel: Und Pipi Langstrumpf?

Herman: Die bekommt längst Medikinet.  

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Das schlechte Wetter ist zurück. Zum zweiten mal diesen Winter montiere ich die Winterreifen, gerade mal gut eine Woche, nachdem ich die Sommerreifen draufgemacht habe. Am Tag vor der Abreise war der Winter noch einmal mit viel Schnee zurückgekommen, also nahm Herman die Sommerreifen, kaum dass er sie vor gut einer Woche montiert hatte, wieder ab. Die Rückbank seines Kombis hatte er umgeklappt, so konnte er das Fahrrad mitnehmen, denn das Wetter würde hoffentlich bald wieder besser werden.  

Nach dem Frühstück, Claire war so früh mit aufgestanden, fuhr er in südwestlicher Richtung durch die Rheinebene seinem Zielort, Bergzabern, zu.

Die Wischer schoben sulzigen Schnee beiseite, Musik dudelte, die Gedanken waren eher grau und es nicht wert, aufgehoben zu werden.

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Schweigende Vorhaut

Herman: Dass jetzt immer mehr Männer meinen, schwer leiden zu müssen, nur weil sie als kleiner Bub beschnitten wurden - meine Vorhaut wenigstens, die klagt niemanden an.*

Rahel: Wie auch, sie befindet sich ja an ihrem angestammten Platz!

Herman: Ich meine, auch wenn ich keine Vorhaut mehr hätte...

Rahel: Du meinst, wenn du Jude wärst?

Herman: Ich meine, keine Ahnung was wär', wenn ich Jude wär, aber erstens: woher willst du wissen, ob ich meine Vorhaut noch habe?** Und zweitens: meine Vorhaut würde in Abwesenheit das tun, was sie in Anwesenheit auch tut, sie würde schweigen.

Rahel: Es wäre dir also egal?

Herman: Nein, aber als frommer Mann wär' ich's wohl zufrieden und andernfalls hätt ich, weiß Gott, wichtigere Sorgen.

Rahel: Du meinst, …

Herman: Ich meine, wenn einer sein Leben so im Schatten seiner Beschneidung ansiedelt...

Rahel: ..wer mit Gott hadert, glaubt auch an ihn, meinst du das?

Herman: Nein, der Materialist soll ruhig mit seinem Materialismus und der Fromme mit seinem Gott hadern, aber einen solchen Buhei um einen Fetzen Haut zu machen, heißt einem Fetisch nachjagen, einem Götzen dienen. Die Vorhaut wird doch heute aufgeblasen, bis sie so groß ist wie das ganze Universum.

Rahel: Schon seltsam, bei Frauen muss das Häutchen dran, bei Kerlen soll es aber ab sein, um in religiöser und sittlicher Sicht als vollständig zu gelten. Du musst aber doch einsehen, dass ein Mensch sich vom Glauben seiner Eltern entfernen kann, seine Beschneidung, die kann er aber nicht rückgängig machen.

Herman: Die Taufe ist auch nicht abwaschbar.

Rahel: Sie ist aber keine Verstümmlung.

Herman: Keine körperliche.

Rahel: Ob jemand Wasser über geschüttet bekommt, oder einen Teil seines Körpers abgetrennt, setzt du gleich?

Herman: Es geht doch bei beidem um das selbe: Es geht um das Nichtgefragtwordensein. Kindlicher Glaube ist nun mal seinem Wesen nach unfrei. Was gerne als „unschuldig“ bezeichnet wird. Wer als erwachsener Mann noch immer schmollt, weil er als Kind nicht gefragt wurde, sollte seiner fehlenden Vorhaut dankbar sein, denn immer, wenn er vergisst, worüber er sich aufregt, muss er nur im stehen Pinkeln, da fällt's ihm wieder ein.

Rahel: Aber sollten die Jungs nicht wenigstens, wenn sie alt genug sind, selbst entscheiden...

Herman: Nein!

Rahel: Bitte?

Herman: Die Eltern müssen entscheiden, ob die Kinder das selbst entscheiden oder ob getauft, beschnitten oder gesonstwast wird. Um der Religionsfreiheit Willen, nehme ich diese Einschränkung der kindlichen Freiheit gerne in Kauf.

Rahel: Es geht hier immerhin um die körperliche Unversehrtheit!

Herman: Kein Mensch schafft es unversehrt bis ins Grab.

Rahel: Aber es handelt sich bei der Beschneidung um einen medizinisch nicht notwendigen Eingriff.

Herman: Seit wann geht es bei der Religionsfreiheit um das medizinisch Notwendige? Außerdem ist es medizinisch genau so wenig notwendig, religiös begründete Beschneidungen zu unterlassen. Diese ganze Debatte, soweit sie von Nichtjuden mit Blick auf jüdische Beschneidungspraktiken geführt wird, halte ich ganz überwiegend für religiös und nicht medizinisch begründet.

Rahel: Und was soll das für eine Religion sein?

Herman: Antisemitismus.

Rahel (lacht): Ha, du meinst, als abgebrochener Katholik, mir den Antisemitismus aufdecken zur können? Das ist ja lächerlich!

Herman: Nein, dir nicht. Mit dir  meine ich  nur, streiten zu wollen. - By the way, wie geht’s eigentlich deinem Ältesten, hat der nicht bald sein Studium fertig und was spricht eigentlich seine Vorhaut?

Walther: Gib dich keinen Illusionen hin, Herman, kein Mensch wird diesen Dialog bis zum Schluss lesen. Das ist das Internet, da wollen die Leute lieber lustige Kätzchenvideos oder fickende Weiber sehen.

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*Herman hat wohl  "Eine Vorhaut klagt an" von Shalom Auslander gelesen.  (Berlin Verlag 2008)

**Diese Frage zeigt, dass das Gespräch noch recht am Anfang von Rahels und Hermans Bekanntschaft geführt wurde.  

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Die moderne Apparatemedizin begann mit schrankgroßen, annähernd tonnenschweren, elektromechanischen Gerätschaften zur Behandlung der weiblichen Hysterie. Und nur die gelehrten Herren Ärzte waren befähigt, diese gewaltigen Maschinen in Gang zu setzten und zu bedienen, um mit deren beweglichen Schwingköpfen die richtigen Körperstellen ihrer Patientinnen zu traktieren. Mit dem allgemeinen technischen Fortschritt, wurden die Geräte allerdings kleiner und immer kleiner und auch für Laien einfach zu handhaben. Bald war die glückliche Besitzerin eines solchen Handapparates nicht mehr genötigt, die ärtzliche Praxis aufzusuchen. Die Behandlung konnte von ihr selbst bequem zu Hause, gerne auch mehrmals am Tage, und allein durchgeführt werden.

Bis der Ehemann ihr auf die Schliche kam. Damit war Schluss mit der weiblichen Hysterie als allgemein anerkannter Krankheit und der Vibrator wechselte vom medizinischen zum Hygieneartikel.

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Herman: Hast du Zeit?

Rahel: Klar, Herman, so lange ich lebe, habe ich Zeit.

 

 

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